Viele Schuldige, viele Verlierer – Die Hintergründe und Folgen des Anthony Davis Dramas.

Lesezeit: 10 Minuten

28. Januar 2019, 13:09 Uhr deutscher Zeit. NBA Insider Adrian Wojnarowski lässt eine Bombe platzen, und die komplette NBA Welt hält ganz kurz den Atem an.

NBA Superstar Anthony Davis hat kein Interesse daran, seinen Vertrag im Sommer mit den New Orleans Pelicans zu verlängern, und hat die Organisation darum gebeten, getradet zu werden.

Mit dieser Botschaft ist sein Agent Rich Paul an die Öffentlichkeit gegangen, 10 Tage vor der NBA Trade am 7. Februar.

In den folgen Tagen kam es zu mehreren Gesprächen zwischen Verantwortlichen der Lakers und Pelicans, welche am Ende allerdings trotz großem Interesse der Lakers nicht zu einer Einigung der beiden Parteien geführt haben.

Magic Johnson und Rob Pelinka waren bereit, alle jungen Spieler und mehrere Draft Picks zu traden, dazu den Pelicans sogar den schlechten Vertrag von Solomon Hill abzunehmen. Trade Angebote wurden geleaked, mit den Medien gespielt, immer wieder Gerüchte verbreitet. Am Ende hat alles nichts gebracht, Dell Demps war nicht bereit, seinen Star so einfach abzugeben. 

Nein zu den Lakers, zumindest im Moment.

Die Pelicans hatten den Verdacht, dass Klutch mit aller Macht seine beiden besten Klienten bei den Lakers vereinigen will, und dass hinter den Kulissen beide unter einer Decke stecken.

Beweise gibt es dafür nicht, ganz unbegründet ist der Verdacht allerdings auch nicht.

Dass The Brow die Lakers als Ziel hat, war in dem Moment klar, als er im letzten Herbst seinen Agent gefeuert hat, um wenige Tage später bei der Klutch Sports Group zu unterschreiben, einer Agency, die dafür bekannt ist, immer genau das für ihre Klienten zu bekommen, was sie will.

In New Orleans hatten sich viele darauf eingestellt, dass Davis den Super Max Vertrag, dem man ihm am 1. Juli 2019 vorlegen würde, wahrscheinlich nicht unterschreiben würde, und er womöglich direkt im Anschluss einen Trade fordern würde.

Dass Paul und Davis zwei Wochen vor der Deadline die Organisation in diese katastrophale Situation bringen würden, damit hatten in Nola nur die wenigsten gerechnet.

Anthony’s Agent hat der Pels Front Office dann einige Tage später mitgeteilt, dass Davis bereit ist, bei 4 Organisationen seinen Vertrag zu verlängern: Clippers, Lakers, Knicks und Bucks. Wie viel Wahrheit an dieser Liste dran ist, darüber kann man nur spekulieren.

Klar ist, dass Klutch ihn am liebsten bei den Lakers möchte, und auch Davis würde am liebsten in LA für Purple & Gold spielen.

Im ersten Spiel nach der Deadline kam AD gegen die Wolves zum Einsatz, und legte beeindruckende 32 Punkte in 25 Minuten Spielzeit auf. Er wurde allerdings während des kompletten 4. Viertels auf der Bank gelassen. Die NBA hatte vorher mit New Orleans Kontakt aufgenommen und klar gemacht, dass für jedes Spiel, in dem Anthony ohne Grund nicht zum Einsatz kommt, eine Strafe von 100.000$ droht.

So viel erstmal dazu, jetzt schauen wir auf die einzelnen Parteien, die an der ganzen Situation Schuld haben.


New Orleans Pelicans: 

Dass ihr Star Spieler weg will, daran hat in erster Linie die Organisation Schuld. Das hat nichts mit dem kleinen Markt New Orleans zu tun, sondern ganz einfach mit der Unfähigkeit der Organisation, ihrem 2012 gedrafteten Megatalent ein entsprechendes Team zur Seite zu stellen. AD war der letzte Erstrundenpick, der seine erste Saison auch bei den Pels zu Ende gespielt hat. Die Pelikane waren in dieser Zeit 2 mal in den Playoffs, in allen anderen Jahren wurde in der Lottery gezogen.

Man hat zwar Holiday und Cousins geholt, aber einer Meisterschaft ist man damit auch nicht wirklich näher gekommen. Im Falle DMC kam dann auch eine ganz große Portion Pech dazu, mit seiner Horrorverletzung 2017.

Wenn man sich das Gesamtbild in Sachen Roster und Teamstärke der Pelicans seit 2012 anschaut, muss man einfach ganz klar sagen, dass die Organisation ihrem Superstar nicht die Hilfe zur Verfügung gestellt hat, die man für eine Meisterschaft braucht.

Über kurz oder lang war deshalb auch klar, dass einem Anthony Davis das Erreichen der zweiten Runde in der Western Conference irgendwann nicht mehr reicht. Ein Ende war abzusehen, und die Pels waren selber schuld daran.


Anthony Davis: 

Nummer 1 Overall Draft Pick, bester Big Man im Game, und das seit Jahren, dritt höchster Karriere PER aller Zeiten, aber nur eine gewonnene Playoffs Serie in seinem Leben. Bei all dem Talent, bei allen individuellen Stats und krassen Spielen, wo bleibt der Erfolg?

Seine Skills kann man ihm nicht absprechen, aber ob er ein Winner ist oder nicht, das wird sich noch zeigen. Wie ich in meinem letzten Artikel bereits geschrieben habe, es braucht mehr als nur unglaubliches Talent, um ein guter Anführer zu sein.

Man kann AD natürlich kaum vorwerfen, er hätte großartig besser spielen können, denn der Westen ist stark, im Gegensatz zum Rest seines Teams. Aber andere Spieler haben gezeigt, sie können ein Team nahezu alleine bis zu einem bestimmten Punkt tragen, und The Brow hat das bisher noch nicht.

Man kann ihm keinen Vorwurf für seinen Wunsch machen, das Team zu verlassen. Aber die Art und Weise, ebenso wie den Zeitraum muss man nicht mögen. Sein Team steckt mitten im Kampf um die Playoffs, und er fordert ein paar Tage vor der Deadline einen Trade, und bringt damit zum einen seine Mannschaft, zum anderen die Organisation in Bedrängnis. So eine Nachricht mitten in der Saison ist ein Problem. Am Ende ist er der Hauptschuldige für das ganze folgende Drama, da alles mit seiner Wechsel- Bitte angefangen hat.

Auch wenn er den Lakers vielleicht einen Vorteil gegenüber den Celtics geben wollte, in dem er nicht bis zum Sommer wartet, er hat LA damit auch in Bedrängnis gebracht. Magic und Rob mussten jetzt sofort versuchen, einen Trade einzufädeln, nicht nur, um schon in dieser Saison erfolgreich zu sein, sondern auch um Anthony zu zeigen, dass sie ihn wirklich wollen. Den Fehler, den sie bei Paul George gemacht haben (nicht versuchen ihn per Trade zu holen, stattdessen auf die Free Agency warten) machen die beiden wahrscheinlich nicht nochmal. 

Lakers waren also gezwungen, All In zu gehen, was schlussendlich zum Drama in ihrem eigenen Team geführt hat (dazu komme ich später noch).


Klutch Sports:

Es besteht für mich kein Zweifel, dass Rich Paul ein großes Wörtchen mitzureden hatte, bei der Entscheidung des Zeitpunkts der Bekanntgabe des Tradewunsches. Klutch will AD nicht in Boston sehen, sondern in LA. Das Ziel war es, der Pels Front Office die Pistole auf die Brust zu legen, und einen sofortigen Wechsel zu erzwingen. Mit ein bisschen mehr Geduld, ein bisschen weniger Benutzen der Medien, hätte man sich alles, was jetzt folgt, ersparen können.


Magic Johnson und Rob Pelinka: 

Die Realität ist, dass keiner die beiden gezwungen hat, all ihre Assets anzubieten. Niemand hat sie gezwungen, all ihren jungen talentierten Spielern damit zu sagen, dass man kein Problem hätte, sie zu traden. Man hätte bis zum Sommer warten können, und damit verhindert, mitten im Jahr eine riesige Unruhe ins Team zu bringen. Ich möchte ihnen das nicht vorwerfen, denn auch ich hätte alles und jeden verfügbar gemacht, wenn es um einen Spieler wie Anthony Davis geht, aber es ist nun mal so, dass keiner die beiden gezwungen hat.


LeBron James: 

Noch vor ein paar Monaten lobte der King die jungen, aufstrebenen Spieler wie Lonzo Ball, Kyle Kuzma und Brandon Ingram in den allerhöchsten Tönen, nannte sie als einen der Gründe für seine Entscheidung für die Lakers, und jetzt hat er kein Problem damit, wenn jeder einzelne von ihnen getradet wird. Natürlich sitzt er nicht mit am Verhandlungstisch, natürlich telefonierte nicht er mit Dell Demps. Aber zu denken, dass er bei Magic’s Plan nicht mit im Boot saß, ist ziemlich naiv. Man kann es ihm kaum verübeln, mit AD zusammenspielen zu wollen, aber die Nachricht, die er damit an seine Kollegen sendet, ist schlecht: „Ich mag es mit euch zu spielen, aber noch mehr mag ich es, mit jemandem anders zu spielen. Lieber spiele ich mit einem anderen Spieler, als mit allen von euch“. Was denkt sich dann ein 21- jähriger, dem noch vor kurzer Zeit vermittelt wurde, dass James mit ihm spielen will, und das für eine längere Zeit als ein halbes Jahr.

LeBron ist der Leader, und wenn die Chemie im Team nicht wieder repariert werden kann, dann geht das auch mit auf sein Konto.


Ball, Kuzma, Ingram, Hart: 

Es lässt sich allerdings auch nicht von der Hand weisen, dass keiner dieser 4 bisher den Erwartungen gerecht werden konnte. Das soll nicht heißen, sie spielen Stand Jetzt keine gute Saison, dennoch spielen sie im Moment noch unter dem Niveau, das angestrebt wurde. Wäre das anders, wären sie jetzt vielleicht schon bei den Pels, vielleicht aber auch nicht. Sie sind nicht direkt schuld an all dem, man muss sie aber trotzdem mit nennen.

Wie ihr seht, gibt es eine ganze Menge Schuldige, es gibt allerdings auch genau so viele Verlierer.


Los Angeles Lakers:

Der große Verlierer des Nicht- Trades sind die Los Angeles Lakers. Der Hauptgrund: Sie haben Anthony Davis nicht bekommen. Mit ihm und LeBron hätte man das beste Duo der NBA gehabt, und mit einigen Spielern aus dem Buyout- Markt hätte man ein Team zusammenbauen können, welches eine Chance auf die Meisterschaft gehabt hätte.

Da das Angebot der Lakers öffentlich gemacht wurde, wissen alle Spieler, dass sie verfügbar gemacht wurden. Das ist nicht gut für die Teamchemie und das Klima innerhalb der Mannschaft. Die Botschaft des Managements an die jungen Spieler: „Wir wollen lieber jemanden anderes als euch“. Es ist schwer, alles auf dem Court zu geben, für eine Organisation, die einen los werden wollte.

Des weiteren haben sich die Lakers innerhalb der Liga ziemlich unbeliebt gemacht.


New Orleans Pelicans:

Meiner Meinung nach war es ein Fehler, den Deal mit den Lakers nicht zu machen. Natürlich gibt es Szenarien, in denen sich das Warten bis zum Sommer gelohnt hätte, beispielsweise den 1. Pick im Draft zu bekommen, oder einen Deal mit Boston zu machen, welcher Jayson Tatum enthält. 

Die Frage ist, wie wahrscheinlich man so etwas bekommt. Bleibt Kyrie in Boston? Bekommen die Knicks einen Superstar UND diesen Pick? All das sind Dinge, auf die New Orleans keinen Einfluss hat, die solche Trades allerdings verhindern können. Was ist, wenn AD sich schwer verletzt? Das Warten birgt sehr viel Risiko für Nola. Wenn die Lakers zum Beispiel einen großen Free Agent bekommen, wird ein AD Trade ebenfalls extrem schwer, und daher unwahrscheinlich. Und was viele auch vergessen, dass die Pelicans mit The Brow bis zum Saisonende mehr Spiele gewinnen werden als ohne ihn, dementsprechend schlechter wird dann auch ihr eigener Pick ausfallen.


Anthony Davis:

Er ist ein Risiko eingegangen, das Risiko die Saison in New Orleans als Feind der Fans zu Ende zu spielen. Genau das ist nun passiert. Er ist bis mindestens Juli in einer Situation, in der er nicht mehr sein will.


LeBron James:

Man kann als Außenstehender nicht sagen, wie unbeliebt sich LeBron bei seinen Kollegen gemacht hat. Im Spiel gegen Boston ist allerdings etwas deutlich geworden: Die jungen Mitspieler machen nicht mehr unbedingt das, was LeBron möchte: Kuzma nimmt und trifft den Dreier zur 127-126 Führung, während James in der Ecke steht und den Ball fordert. Kurze Zeit später lässt Ingram LBJ stehen, zieht zum Korb, um das Spiel zu gewinnen.

Ich will da nicht zu viel hineininterpretieren, aber eine „Nicht mit uns“ – Mentalität der jungen Spieler würde ich ihnen nicht verübeln.

LeBron kam neu nach LA, lobt sie alle in den höchsten Tönen, und ein paar Monate später hat er kein Problem damit, wenn sie alle gehen. Ich verstehe, wenn das nicht gut ankommt.

LeBron hat sich damit nicht unbedingt ins Aus katapultiert, allerdings bezweifle ich, dass das Klima im Team je wieder so sein wird, wie vor dem ganzen Drama.


Klutch Sports: 

Den Pelicans die Pistole auf die Brust zu legen, und einen Wechsel nach LA zu erzwingen, war im Nachhinein nicht der richtige Weg der Agency.


NBA:

Anthony Davis ist ein Top 5 Spieler der NBA, auf dem Weg mal eines der großen Gesichter und Marken der Liga zu werden. Dass er jetzt ein paar Monate bei einem Team spielt, bei dem er nicht sein will, wahrscheinlich des Öfteren zurück gehalten wird, ist nicht gut für die Liga. Mal ganz abgesehen davon, AD und LeBron bei der bedeutendsten Franchise, zusammen mit Legende Magic Johnson, die möglicherweise die Warriors vor Probleme gestellt hätten, die Liga hätte es geliebt.

Am Ende stehen vorerst alle Beteiligten als Verlierer da. Jetzt warten wir auf den Sommer, welcher der wohl spannendste NBA Sommer aller Zeiten wird.

2 thoughts to “Viele Schuldige, viele Verlierer – Die Hintergründe und Folgen des Anthony Davis Dramas.”

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.